Lohn der Angst – DAS LETZ NIEST, die Fünfte

Foto: Matthias Knodel. Uli Eder und Wolfgang Brenner

Foto: Matthias Knodel. Uli Eder

DAS LETZ NIEST. Zum 6. Mal. Und, das NETZ LIEST! Beileibe. Es ist wie bei Harry Potter: Nur die Mutigen wagen es auszusprechen. Angrenzend an den Kulturbalkon des Zimmertheaters über sonntäglichem Freizeitvergnügen in Spürnähe des Hölderlinturmes. Hölderlin hat auch nicht jeder verstanden, soviel sei schon verraten. Leibhaftig treffen sich diejenigen, die im Web ihre Journale oder Logbücher veröffentlichen, also die Blogger. (Soviel Info darf sein, denn es soll ja Menschen geben, die sich erst für diese Art der Literatur zu interessieren beginnen) Merke: Man darf der oder die Blog sagen! Ebenso interessierte sich das Literaturarchiv Marbach und fragte beim Dia Blogger Uli Eder nach, ob denn der NICHTS BLOG und weitere (Uli, ergänze bitte!) archiviert werden dürften. Aber sicher doch, es ist eine Ehre. Die Platzhirsche vom Dia Blog, von WIDL, Nichtsblog, Laubenpieper, um nur ein paar zu nennen, Uli Eder (Mössingen und Tübingen) und Wolfgang Brenner (lebt und arbeitet in Berlin) eröffneten traditionell den Reigen, um zuerst die Buchwerdung der WER-IST-DIR-LIEBER Bildungsreihe kund zu tun: und diese selbdritt. Ja, Bildungsreihe, denn neben der ganz eigenen Grafik, die in genialer Weise vereinfacht, um karikaturhaft das Wesentliche zu zeichnen und gleichzeitig mit auf den Punkt gebrachten Personenbeschreibungen zu unterhalten. Ursprünglich, erfuhr das Publikum, war WIDL als Buch gedacht, wurde als Blog dann „tierisch bekannt“, was die Macher dann dazu bewog, das Buch zu machen („Absoluter Partykracher“, wirbt Wolfgang). Uli natürlich im WIDL-T-Shirt, das gelegentlich  bei Rätseln als Preis ausgelobt wird. (Nein, nicht seins). Im Übrigen spielen T-Shirts eine gewisse Rolle bei DAS LETZ NIEST („DNL“ im Folgenden).

Foto: Matthias Knodel. Uli Eder und Wolfgang Brenner

Wolfgang Brenner trug: „Curb your Enthusiasm“ (Ich musste auch erst nachschauen, was das heißt)  Als gewählter Schriftführer einer Laubenkolonie oder einer Kleingartenanlage, wie man bei uns sagen würde, nimmt er uns bei der Hand, beschreibt die Angst (Thema des Abends) der Laubenpieper (Bezeichnung der Menschen, die Schrebergärten, Lauben, Parzellen oder Kleingartenanlagen betreiben) vor den Eisheiligen, (deren es, laut meinem Rabenkalender, fünf gibt. Mamertus heißt derjenige, den kaum einer kennt.), um uns dann in eine Abfallgrubendiskussion einzubeziehen, die der Schriftführer mit dem Vorschlag eines „Mülltonnenmoratoriums bis zum Frühjahr“ streitschlichtete. Um Wolfgang, nennen wir ihn sicherheitshalber „Kuhle Wampe“  in seinem Verein nicht als Petze auffliegen zu lassen, seien die Ergebnisse seiner Protokollanalyse, die bis in die ausgehenden 80erjahre des letzten Jahrhunderts reichten, nicht im Detail erzählt. Wolfgang Brenners Heckenschau erzählt mit großem Witz, ohne Häme über seine Gartenfreunde auszuschütten.

Uli Eder, dialektisches Pendant (Dia Blog!) zu Wolfgang Brenner ängstigt uns mit einer aufreibenden Jagd nach einem Ferienjob in der Jugendzeit. (Übrigens ein Phänomen, dass mit reifendem Alter die Reflexion der jüngeren Jahre zunimmt) Es beschreibt die Begegnung eines jungen Mannes (er selbst) mit dem Brachialschwäbischen eines Bauhofchefs auf der Alb, die von Uli Eder derart gekonnt intoniert wurde, dass sich Nebensitzer Brenner, der die Story noch nicht kannte, im wahrsten Sinne des Wortes, schier wegschmiss, wenn Eder den Alfons seiner Geschichte „Du Granada-Radladerfahrer“ gewittern lässt. Das spricht eindeutig für Live-Vortrag, oder zumindest zur Nutzung des bewegten Bildes, des Films.

Und somit wären wir bei MISCHGEMÜSE, die auf ihrem gleichnamigen Blog schon deutlich per Film angekündigt hatten, analog gehen zu wollen. Jedoch verweigerten sie konsequent, den Schritt aus dem Netz in die Realwelt zu tun, indem sie ihre Netzanonymität wahrten, zumindest, was ihre bürgerlichen Namen betrifft, wie auch Interpretationen ihrer Dosengemüse-Verkaufsschau. Mit „3 Jahren kam Meter Mütze zur Welt, zuvor entwickelte er in der Gebärmutter seiner Mutter die Urlaubsbilder der Nachbarschaft. In Passbildgröße natürlich. Inzwischen verbringt er in Tourette de Mar seinen Lebensabend.“ Das fand ich hier. Soweit zu Meter Mütze, dessen Nachname vermutlich ein Künstlername ist und der seine hanseatische Sprachfärbung entweder mitbekommen oder erlernt hat. Esteban von Spanien hat wiederum seinen wohl deutschen Vornamen Stefan clever dem adeligen Nachnamentitel angepasst. So harmonieren die Beiden bereits in einer Literatur der Namen, wie auch im Zusammenspiel mit einem Fankreis, der in einer vermutlich gut einstudierten Choreografie an den richtigen Stellen lacht und somit dem Rest des Publikums hilft, sich in einer komplexen, keineswegs oberflächlichen Literatur nonsensischer Dia- und Monologe zurecht zu finden, oder war es zu Recht zu finden? Der Fankreis war parteiisch, aber das sei ihm zugestanden. Diese Eigenschaft wohnt Fankreisen inne. Schon das Opening, in dem sie mit Hilfe eines roten Henkelkorbes und einer erklecklichen Anzahl von Single-Gemüsekonserven Farbe ins Spiel brachten, setzte sich inhaltlich konsequent im Beitrag Blau soll unsere Farbe sei – Blau an sich fort. Der traditionelle Fragedialog der Organisatoren an die Blogger, eingeleitet durch die Frage nach der Herkunft ihres Namens Mischgemüse, führte zur konsequenten Irritation. Antwort: „Wir würden auch in einem Brunnen tanzen.“ Wolfgang Brenner schließt sein Interview mit den Worten „Wir wussten nicht, was uns erwartet“ und setzte sich. Meter Mütze rappt, doziert, nuschelt über den Erfinder von Schirm, Mütze und Dreitagebart, stellt Jakob vor, der Merchandising dabei hat, erwartet keine Anrufe, sondern Antworten, ergänzt von Esteban, dem es um Kunst geht, nur um Anspruch. Sie spielen sich gekonnt die Sprachseifenblasen zu, die zerplatzend, das Publikum mit Gedanken-, Zeitsprüngen auf dem schmalen Grad zwischen Begeisterung über sprachliche Finessen und totalem Unverständnis balancieren lassen. Zwischen Eure Welt ist uns zu wenig, dem Wächter des ewigen Brummkreisels und kein Amor für deine schwachen Stunden.  Es endet in ihr kapiert das nicht, und dann look an feel, wir sind was wir darstellen. Unklar blieb letztendlich nur der Text von Mützes T-Shirt, da die darüber getragene Jacke nur Ausschnitte zuließ. Estebans T-Shirt? Irgendwas ist da zugepixelt, aber, seht selbst.

Foto: Matthias Knodel. Links: Esteban, rechts: Meter

Foto: Matthias Knodel.

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6 Kommentare zu „Lohn der Angst – DAS LETZ NIEST, die Fünfte“

  1. […] 25.5.: Die offizielle Chronik des Geschehens ist diesmal dreigeteilt (null, eins, zwei) und trefflich […]

  2. Bachschuster sagt:

    Ja, versteh einer die Maschinen: Mein Dashboard wollte mich nicht mehr weiter schreiben lassen, jedenfalls nicht dort, wo ich wollte. Also hab ich’s ausgetrickst und einen neuen Artikel begonnen.

  3. uli sagt:

    Womöglich heißt das gar nicht Dashboard, sondern „Däätschboard“ oder gar „Äätschboard“: „Däätsch gern weiderschreiba? Ätschagäbale!“

  4. 3.Reihe, rechts, 4.Platz von links sagt:

    gute arbeit lieber chronist,

    liegt es aber an mir, dass ich eine wiedergabe des seltsamen auftritts von mischgemüse hier vermisse? so etwas darzustellen ist doch die größte herausforderungen für einen chronisten, oder?!
    vielleicht bin ich aber auch einfach nur blind, dann weißt mich doch einfach drauf hin….

    danke

  5. Bachschuster sagt:

    Gut aufgepasst, danke. Näheres in meinem jüngsten Blogbeitrag.

  6. […] ins Detail geht Kulturprodakschn: Meter Mütze rappt, doziert, nuschelt über den Erfinder von Schirm, Mütze und […]