All inclusive

Eine Kurzgeschichte

Wie an jedem Morgen belegte Herr K. aus Ö. für sich und seine Familie vier Liegen unter der ausladenden und dadurch ganztägig Schatten spendenden Meertraube am Strand von Varadero (sprich Baradero).

Das Ehepaar S. aus D. hatte diese Prozedur seit Tagen beobachtet und besagten Platz ebenfalls sehr attraktiv gefunden. Deshalb nahm Herr S. auf seinen allmorgendlichen Strandspaziergang, den er unternahm, um das Meer und seinen Strand mit der aufgehenden Sonne ohne all die Badegäste zu genießen, ein Handtuch mit auf den Weg und belegte damit die zwei Liegen unter dieser Meertraube. Als dann das Ehepaar S. nach ausgiebigem Frühstück die Liegen belegen wollte, hatte sich jedoch schon Familie K. auf denselben breit gemacht. Und das S.sche Handtuch lag im Sand. Darauf angesprochen, behauptete Frau K., der Wind habe es wohl herunter geweht und außerdem sei das sowieso ihr Stammplatz, was wiederum Herrn S. sehr erboste.

Es kam, wie es kommen musste: Es entspann sich ein heftiger Wortwechsel – auf deutsch geführt -, der Dank seiner Lautstärke, Intonation und Gestik auch bei allen nicht deutsch sprechenden Gästen, und derer waren viele, Aufmerksamkeit erregte und gut verständlich war. Diese Tatsache stellte insbesondere für die Animateure des Clubs eine ernst zu nehmende Konkurrenz dar, weil die Volleyball-, wie auch die Bocciaspieler sich ebenso dem Geschehen (das quasi aus dem Nichts entstanden war) zuwandten, wie auch die Teilnehmerinnen der Wassergymnastik, von den nicht organisiert Freizeit Treibenden mal ganz abgesehen.

Familie K. aus Ö. wollte ein gewisses Gewohnheitsrecht für sich beanspruchen, das Ehepaar S. aus D. warf ein, dass es keine Besitzansprüche gäbe und ein Abwechseln in der Belegung der attraktivsten Plätze durchaus vertretbar sei. Herr S. hatte damit in den 70er-Jahren bei den WG-artigen Urlauben auf dem Landgut eines deutschen Arztehepaars Nähe Pesaro sehr gute Erfahrungen  gemacht.

Verschiedene Herren vom Sicherheitsdienst – man erkannte sie an ihren blauen Hosen, den weißen Hemden, den blauen Krawatten, sowie dem Funksprechgerät (düdeldi-didideldü…) – hatten sich hinzugesellt und diskutierten den Fall durchaus kontrovers, wenn man deren Gestik richtig deutete. Der freundliche Gärtner im dunkelblauen Overall, der gegen ein kleines Trinkgeld Kokosnüsse von den Palmen holte, diese dann mit der echten Machete öffnete und mit einem Plastiktrinkhalm versah, stieß zur Gruppe der Animateure, die schon seit geraumer Zeit ob der spontan entstandenen Animation die ihrige resigniert aufgeben hatten. Das Küchenpersonal verließ seinen Arbeitsplatz, die Angestellten der Rezeption und der Souvenirstände folgten. Das Reinigungspersonal schloss sich an.

Die Menschenmenge wuchs und befand sich noch in der Orientierungsphase: Wieso war man eigentlich hier?

Inzwischen hatte sich der Fall auch außerhalb des Hotels herumgesprochen.

So erschien eine Parteigruppe – Kubafähnchen-schwingend. Sie hatte das Gerücht ereilt, am Strand des All-Inclusive-Clubs hätte sich eine spontane Solidaritätskundgebung für die fünf in Florida inhaftierten Kubaner („Volveran“) entwickelt. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Musikgruppen von der Sache Wind bekamen und das gesamte Repertoire von „el commandante che guevara“ über „chanchan“ bis hin zu den neuesten abgeschliffenen Popsongs, die sich in den All-Inclusive-Hotels weltweit nur durch die Ortsangaben unterschieden, zum Besten gaben. Die Menge groovte in Mitten eines Bildes aus grauen Palmblattstrandschirmen  auf Sandstrand vor blauem Meer. Um es dem erfahrenen TV-Werbung-Kenner zu verdeutlichen: eine Mischung aus Barcardi-, Bounty- und Beck’s Gold – Werbung.

Die Cocktailmixer erfassten die Situation am schnellsten, sie verlegten ihren Ausschank an den Strand. Die Souvenirstände folgten, und in der Küchenbrigade war beschlossen worden, aus dem Mittagsbüffett ein Strandbarbecue zu zaubern. Apropos ‚zaubern’ – die Magos von der vorabendlichen Magic-Show gaben eine zusätzliche Strandvorstellung: sie hatten das Programm in überschaubare Häppchen aufgeteilt, die jeweils im Anschluss durch Bezahlung einer Dollarnote den Weg zur nächsten Nummer frei machten. Streunende Hunde und Katzen witterten zusätzliche Nahrung, und auch die Gäste vom voll besetzten Ausflugsboot, das eigentlich zum Schnorcheln und zur Beobachtung des Delphins (ja, einen sollte es geben…) ausgelaufen war, unterbrachen ihre Fahrt angesichts des inzwischen voll besetzten Strandes voller fröhlicher Menschen, die sich nach allen möglichen lateinamerikanischen Rhythmen bewegten. Die ersten Fernsehteams erschienen und machten Interviews und Liveübertragungen, wobei sie die Erfahrung machten, dass der Anlass für die Strand-Fiesta sehr unterschiedlich gedeutet wurde.

Während sich die einen auf die Solidaritätsaktion versteiften – die Angestellten in Küche und Service, sowie der Sicherheitsdienst („securidad“) schlossen sich an -, gaben die Animateure vor, die ganze Sache sei ein von ihnen initiiertes und gründlich vorbereitetes Strandfest („All-Inclusive“…). Dieser Meinung schlossen sich die meisten der Gäste an, denn diese Kubaner kannte man persönlich und man duzte sich, kurz: sie mussten einfach Bescheid wissen…

 

Nur ein Herr K. und ein Herr S. stritten sich – völlig unverständlich – vor laufenden Mikrofonen und Kameras um irgendeinen bestimmten Strandplatz und drohten einander – all inclusive! – mit rechtlichen Konsequenzen. (© Helmut Bachschuster , August 2004)

 

 

 

Comments are closed.