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Die Behäbigkeit einer Anstalt

Donnerstag, Februar 14th, 2013

Leserbrief zum Bericht „Kleinkunstpreis für Tübinger Duo“, GEA vom 26.1. Veröffentlicht am 13. Februar 2013 im Reutlinger Generalanzeiger (GEA)

Der Kleinkunstpreis Baden-Württemberg ist einer der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland. Nun haben ihn Harald Kienzler und Jakob Nacken als das Poetry-Slam-Duo „Harry & Jakob“ verdientermaßen erhalten: Ganz große Gratulation! Ich will dies zum Anlass nehmen, Streit zu suchen, Streit mit dem SWR-Fernsehen: Im Gegensatz zum BR oder dem WDR, die ihren Kabarettisten und Comedians üppige Sendeplätze widmen, ist der SWR nur am Sparen: Man setzt auf „Bewährtes“. Ich werde den Teufel tun, „Bewährtes“ herabzuwürdigen, aber es gibt in Baden-Württemberg Künstler, die teilweise seit Jahrzehnten bundesweit die Szene beglücken, aber im Fernsehen nicht präsent sind. Nur zwei Beispiele: Ernst Mantel & Heiner Reiff, derzeit, wie ich finde, eine der intelligentesten und sprachlich witzigsten Vertreter der schwäbischen Mundart. Oder die COMEDY STUBE, eine Mixed Show aus dem Tübinger SUDHAUS, die seit bereits sieben Jahren erfolgreich monatlich ausverkauft ist und ein unvergleichliches Format präsentiert, in dem grandiose Nachwuchstalente entdeckt und präsentiert werden. Daneben bringen die Macher: Helge Thun, Udo Zeppezauer, Christine Prayon und Jakob Nacken (ja, der mit dem Kleinkunstpreis) Stars auf die Bühne und spielen selbst eine Mischung aus Musik, Comedy, Literatur und komisch aufbereitetem klassischen Theater. Die Arbeit dieser großartigen Künstler seitens des SWR so nachhaltig zu ignorieren, grenzt an Arroganz. Oder ist es nur die Behäbigkeit einer in die Jahre gekommenen SendeANSTALT? Ich bin mir sicher, der „alte SDR“, der Mut und Vision bewiesen hatte, mit Loriot ein erstes „Comedy“-Format zu präsentieren, würde diesem Ausnahmekünstler heute keinen Sendeplatz mehr einräumen! Merken die Bedenkenträger im SWR denn nicht, dass das BaWü-Dritte ein Schaufenster unseres Bundeslandes ist – mit allen Risiken, vor allem aber Chancen, die Kreativ-, Theater und Kleinkunstszene zu präsentieren? Das Saarland hat mit „Heinz Becker“ einen Sympathieträger an Bord geholt. Stattdessen ver(sch)wendet man beim SWR-Fernsehen viel Zeit, die Landesschau zu einem „Wetterformat mit Kurznachrichten“ umzubauen. Ich würde mir einen SWR wünschen, der sich zu trauen beginnt, mit seinen Zuschauern in Kontakt zu treten, der bereit ist, Augen und Ohren zu öffnen und eine bürgernahe Streitkultur pflegt, um letztendlich die Sende(r)qualität mit Zielsetzung „Sympathieträger Ländle“ zu verbessern. Das Potential wäre vorhanden, denn wir könn(t)en ja bekanntlich alles…